Das zimmer meines sohnes psychologie
Der Einbruch des Zufälligen trifft sie dafür um so empfindlicher: Trauer wird dem Vater zur Seelenfron aus Schuldgefühlen; die Ohnmacht umgedeutet in traurige Konjunktive: "Was wäre geschehen, wenn Der Therapeut als Autoritätsfigur ist dazu auch ein Stellvertreter des filmischen Erzählers: Über ihn laufen die Geschichten der Figuren, er hört, kommentiert und lenkt.
Ist seine Position erst ungesichert, entsteht Raum für neue Perspektiven. Im "Zimmer" ist es Giovannis Frau Paola Laura Morante , die langsam die Starre des Entsetzens öffnet: Sie will die Urlaubsbekanntschaft des Sohnes kennen lernen, ein junges Mädchen, das, nichts vom Tode des Freundes ahnend, ihm einen Liebesbrief geschrieben hat.
Entgegen der spekulativen Selbsttortur des Vaters, der sich immer wieder andere Abläufe des Unglückstages vorstellt, um ihn derart ungeschehen zu machen, knüpft seine Frau jenes Netz aus Beziehungen, das verbindet und doch durchlässig bleibt für Schmerz. So kann das Flüchtige, nur schwer Darstellbare von Trauer, Verlust und Liebe, zurückgeholt werden in den Bildern einer neuen Begegnung.
Dem Vorrat an eingeschliffenen Zeichen, mit denen vor allem das US-Kino oft seelische Regungen bebildert, hat Moretti hier eine Ästhetik der Zurückhaltung entgegengesetzt - nuanciert, klug und jede Minute sehenswert. Wir waren in den Alpen im Urlaub gewesen. Während der Rückfahrt durchs kurvenreiche Gebirge habe ich mich so oft übergeben, dass ich dehydriert ins Krankenhaus musste.
Sie ist sehr schlank, schmal. Für mich Fünfjährige ist sie wie eine Königin. Auf einem Foto aus jenem Gebirgsurlaub trägt sie eine Jeans, die kurzärmelige Bluse bauchfrei geknotet, sie hält ihre vom Wind verwehten Haare aus dem Gesicht. Später habe ich oft gedacht: Sie sah damals aus wie Jackie Kennedy, die Frau des ermordeten US-Präsidenten.
Auf dem Foto stehe ich daneben an ihrer anderen Hand, auf dünnen Beinen mit knubbeligen Knien. Ich blinzele durch die dicken Gläser meiner Brille verlegen in die Sonne. Meine Mutter ist die Königin, ich die eher unscheinbare staksige Tochter. Ich bin oft krank. In den Kindergarten komme ich erst mit fünf Jahren. Lange bleibe ich dort nicht, weil ein Mädchen mich immer wieder schlägt.
So meldet meine Mutter mich etwas verfrüht in der Grundschule an, und dort entdecke ich, ein sehr unsicheres Kind, erstmals etwas: Ich kann etwas lernen. Meine Noten sind gut und damit kann ich meine Mutter erfreuen. So schön, schillernd und einnehmend sie ist — sie reagiert oft sehr unzufrieden und klagend, ungeduldig, aufbrausend und ärgerlich.
Wenn ich gute Noten habe, scheint sie das zu beruhigen. Herbst Ich liege auf einer grünen Couch und spreche über die Frau, die im Mittelpunkt meines Lebens stand. Hinter mir sitzt meine Psychoanalytikerin. Zu Beginn dieser dritten längeren Therapie in meinem Leben ist mehr als deutlich geworden, dass zwischen meiner Mutter und mir etwas ganz grundlegend schiefgegangen ist.
Wir reden über den intensiven, lebenslangen Neid meiner Mutter auf mich, den sie mich häufig hat spüren lassen und zu dem sie sich auch offen bekannte. Wir sprechen über die immer wieder aufbrechende massive Wut meiner Mutter auf mich. Wie konnte es so weit kommen? Als ich zwölf Jahre alt bin, zieht mein Vater aus.
Er geht weg in ein neues Leben mit einer anderen Frau und lässt sie mit den zwei Kindern sitzen. Wenige Wochen nach seinem Auszug bricht meine Mutter zusammen. Sie findet Hilfe, eine Verwandte vermittelt ihr eine Psychotherapie, die sie stabilisiert. Aber ihre Kinder, mein jüngerer Bruder und ich, werden zur Belastung für sie. Wir stören und sie wird jahrelang nicht müde, uns das immer wieder klarzumachen.
Jedes Mal finden wir sie weinend, schluchzend mit aufgequollenem Gesicht im Bett vor. Dass wir unseren Vater ab und zu sehen, quält sie intensiv, ihr Leid ist abgrundtief.
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So schildert sie uns, wie ein Bekannter von ihr so viel mehr mit seinen Kindern macht. Oder sie sagt es einfach so, ohne Anlass, sie jammert einfach darüber. Persönliche Vorwürfe kommen hinzu: Über Jahre höre ich beinahe täglich, dass ich nichts mache, ihr nicht helfe, faul und undankbar bin, streng und unfreundlich.
In Deutschland ist das Phänomen des sozialen Rückzugs wenig erforscht. Allerdings melden sich auch bei der Freiburger Psychologin Elisabeth Schramm, einer Expertin für soziale Phobien, immer häufiger besorgte Eltern oft schon erwachsener Kinder, die nicht mehr hinauswollen. Da reagieren viele mit Leistungsverweigerung", vermutet sie. Eine soziale Phobie bedeutet aber nicht unbedingt den vollständigen Rückzug - manche Soziophobiker gehen einfach nur nicht mehr auf Partys, meiden Unterhaltungen mit Fremden oder brechen die Schule ab.
Aber die Eltern und der Bruder spekulieren viel.
"Das Zimmer meines Sohnes": Die Ästhetik der Zurückhaltung
Sie fragen sich, ob sie nicht etwas hätten merken müssen, als Marie noch ein Kind war, als sie zugenommen hatte und die Klassenkameraden sie auslachten. Maries Schüchternheit habe er sehr schnell als Normalität hingenommen, später auch ihren Rückzug. Er zuckt mit den Schultern: "Man findet sich irgendwie mit der Situation ab, obwohl sie eigentlich unerträglich ist.
Der japanische Psychiater Toshika Furukawa hat schon einige Hikikomori behandelt. Die meisten, sagt er, seien als Kinder in der Schule gehänselt worden. Wenn sie trinken, fassen sie das Glas mit beiden Händen an, damit niemand sie zittern sieht. Sie schauen immer zu Boden und sprechen möglichst wenig. Die Haare sind lockig, die Lippen sehr rot. Später, mit 17, sind die Haare länger, verdecken das Gesicht.
Marie schaut nicht mehr in die Kamera, jedes Bild zeigt ihr Profil. Die Lippen sind geschürzt, das Lächeln gequält. Marie geht zu dieser Zeit noch mit dem Bruder spazieren und gelegentlich ins Kino. In der Schule läuft es immer schlechter, Marie wechselt vom Gymnasium auf die Hauptschule. Nach dem Abschluss lässt sie sich zur Säuglingsschwester ausbilden und arbeitet in einer Kinderklinik.
Nach sieben Jahren muss sie den Schlüssel für das Säuglingszimmer an eine Krankenschwester abgeben, sie wird zum Aufwickeln von Mullbinden eingeteilt. Sie spricht weniger und geht gleich in ihr Zimmer, wenn sie nach Hause kommt. Später wird die Mutter sagen, sie bereue jede Sekunde des Gesprächs, das nun stattfindet: "Marie, so geht es nicht weiter, du hast dich zurückgezogen, du redest kaum noch mit uns", sagt sie.
Seitdem, sagt der Vater, "leben wir wie mit einem Geist". Die Mutter hört sie rumoren um drei Uhr morgens, "ich habe Herzklopfen nachts". Manchmal holt sie sich etwas aus dem Kühlschrank, aber immer nur so viel, dass man meinen könnte, sie hätte nichts genommen.
"Ich weiß bis heute nicht, warum"
Und sie räumt heimlich Schränke und Regale um. Auch am Tag hängt eine beklemmende Stimmung in der Wohnung, jeder senkt automatisch die Stimme. Die Betroffenen benötigen professionelle Hilfe. Marie hat die Gardinen in ihrem alten Kinderzimmer abgerissen und schwere Decken vor die Fenster gehängt. Sie lebt in völliger Dunkelheit.
Elisabeth Schramm vergleicht die Abwesenheit jeglicher Stimuli mit Folter. Dem versuche Marie irgendwie entgegenzusteuern - durch das Fernsehen werde sie optisch und akustisch stimuliert, vielleicht sogar emotional. Und es geht da nur noch ums nackte Überleben, nicht mehr um Lebensqualität", sagt Schramm. Vielleicht wäre Marie in früheren Zeiten als Eremitin bezeichnet worden, als weise Einsiedlerin.
Doch dann erzählt ihre Nachbarin, dass ihre erwachsene Tochter auch nicht mehr mit ihr spricht. Böhler recherchiert und erfährt: Rund Diese Zahl ist eine grobe Schätzung von Soziologen. Die Fälle zu zählen, ist nahezu unmöglich. Claudia Haarmann glaubt allerdings, dass es immer mehr Familien gibt, die auf diese Weise zerbrechen. Haarmann ist Psychotherapeutin in Essen und hat schon mehrere Bücher über Kontaktabbrüche zwischen Kindern und Eltern geschrieben.
Die jährige Therapeutin hat eine Erklärung dafür, warum Kontaktabbrüche immer häufiger werden: "Meine Generation oder auch die Menschen, die um die 50 sind, die haben irgendwie noch gelernt, wenn sie bei den Eltern zu Besuch waren und es gab wieder, dass der Vater gesagt hat: Wie siehst du denn wieder aus? Oder die Mutter gesagt hat: Kannst du nicht mal einen netten Mann und so weiter.
Du müsstest doch jetzt mal endlich… Dann haben wir sozusagen die Faust in der Tasche gemacht. Bei der heutigen Generation der erwachsenen Kinder, also denjenigen, die jetzt zwischen Anfang 20 und Mitte 40 sind, sei das anders, glaubt Haarmann: "Diese Generation, die benennt in der Familie die Konflikte deutlich, die benennt Kommunikationslosigkeit, die benennt Gefühlslosigkeit, die benennt Lieblosigkeit.
Und das haben Generationen vorher nicht so getan. Und ich glaube, das hat einerseits damit zu tun, dass psychische Erlebnisse oder Emotionalität eine andere Rolle spielen, als es das früher getan hat. Wir dürfen zum Therapeuten gehen, wir dürfen uns mit unserer Kindheit beschäftigen. Wir dürfen unter Freunden eine andere Form von miteinander von Beziehungen leben, als das jemals vorher möglich war.
Und das hat Konsequenzen. Welche Probleme das im Einzelnen sein können, erzählen die erwachsenen Kinder Haarmann in ihren Therapiestunden. Und zwar, dahinter steht immer ein Grundgefühl von Mangel. Was Kinder von ihren Eltern als allererstes ganz doll brauchen, ist das Gefühl von Geborgenheit und Halt. Aus dieser Sicherheit heraus entwickele ich eine innere Stabilität. Und das macht eine Grundunsicherheit.
Aber es gibt einen zweiten Mangel und der scheint mir wirklich viel wichtiger und das werden wir gleich sehen, warum: Das ist der Mangel an Anerkennung meiner eigenen Person. Die Eltern, die die Autonomie ihres Kindes nicht respektieren und annehmen können, die nicht sehen können: Was ist das für ein Kind? Wie entwickelt sich das? Was macht dieses Wesen aus? Sondern die das Kind immer eher vereinnahmen in dieses Gefühl von wir.
Wir sind so toll, wir sind eine wunderbare Familie, wir brauchen diese Harmonie und es gibt Kinder, die empfinden das wie eine Harmoniesauce, die sie dann im Laufe ihres Lebens wirklich einengt, absorbiert, einverleibt. Und das ist einer der ganz wichtigen Gründe, warum Menschen den Kontakt abbrechen, weil sie sagen: Wenn ich das nicht tue, dann werde ich mich nie selber finden.
Doch sind es immer nur die Eltern, die alleine die Schuld an einer schlechten oder abgebrochenen Beziehung zu ihren Kindern tragen? Oder hat so manches erwachsene Kind vielleicht auch überzogene Erwartungen an seine Eltern? Sicher ist aber: Jeder Kontaktabbruch lässt sich aus der Kinder- und der Elternperspektive erzählen — und die Erzählung wird sich je nach Blickwinkel immer unterschiedlich anhören.
Sabine Böhler hat im Rückblick weder das Gefühl, ihrem Sohn zu wenig Geborgenheit, noch zu wenig Anerkennung gegeben zu haben. Böhler hat insgesamt vier Kinder, die heute alle erwachsen sind. Zu den andern drei hat sie ein gutes Verhältnis, sagt sie. Auch die Zeit, in der ihr Sohn und seine drei Geschwister noch junge Kinder waren, hat sie in guter Erinnerung: "Für mich jedenfalls war es ein normales Familienleben: Aufstehen, Frühstück machen, Mittagessen, nachmittags mal ein bisschen reden oder Abendessen.
Dann die Kinder dahin bringen oder dahin bringen. Wie das halt so ist. Der eine ging zum Ballett, der andere zum Cello-Unterricht. Also ganz normal.
Mädchenwäsche im Zimmer meines Sohnes (11) gefunden
Heute, nach vielen Jahren Grübelei, ist Sabine Böhler aber auch bewusst geworden, dass es schon damals eine Sache gab, die im Zusammenleben mit ihrem Sohn nicht gut funktionierte: ernsthaft miteinander reden. Also im Nachhinein so. Das ging dann um die Schule, es ging um die Freunde. So: Hör mal, wie ist das — bist du hier glücklich oder so? Oder fehlt dir irgendwas? Diese Themen gab es nicht.
Die hat er auch bewusst vermieden. Wie gesagt, wenn es also in diese Richtung irgendwie ging, dann ging er. Dann musste er auf die Toilette oder musste irgendwie was anderes machen. Aber reden über wirklich wichtige Themen, das wollte er nie. Auf gar keinen Fall. Schon als Kind nicht. Das war auch hauptsächlich der Grund für die Scheidung, weil er auch nicht reden wollte.
Unbewusst, so sieht sie es heute, schiebt sie das Problem auf seine Pubertät. Erst als ihr Sohn Anfang 20 ist, wird ihr immer wieder klar, dass sie besonders bei Streitereien nicht an ihn herankommt. Sie stehen da, derjenige geht raus und Sie stehen mit dem Thema da und denken: Äh, das kann es doch jetzt nicht sein. Da muss doch noch was gesprochen werden.